Es war einmal ein hartherziger Edelmann, ein rechter Leuteschinder, der nichts lieber tat, als seine Tagelöhner zu plagen und zu drücken. Eines Tages versetzte ihn ein geringes Vergehen seines braven Gärtners in den fürchterlichsten Zorn. Er schwur mit tausend Eiden, er wolle den Mann mit den Hunden vom Hof jagen und für vogelfrei erklären, wenn er nicht die große Linde vor dem Schlosse in zwei Stunden fällen und vor die Tür schaffen würde.
Der arme Mann weinte die bitterlichsten Tränen. Niemand durfte ihm helfen, Pferde und Ochsen standen ihm nicht zu Gebote. Was sein Herr verlangte, konnte er unmöglich erfüllen. Eine Stunde war schon vergangen, und noch immer saß er ratlos unter dem mächtigen Baume, als plötzlich ein Wagen vor ihm hielt, der mit vier Rappen bespannt war und von einem kleinen Männchen mit langem grauen Barte kutschiert wurde.
„Willst du den Baum mit oder ohne Wurzeln vor das Schloss gebracht haben?" fragte er den Leibeigenen. Er wartete aber keine Antwort ab, sondern holte eine hölzerne Hacke vom Wagen und schlug damit rund um den Stamm auf den Erdboden. Sogleich stürzte der Baum um, nur ein Würzelchen verband ihn noch mit dem Erdreich.
„Die Wurzel musst du durchschlagen, dazu bin ich nicht imstande“, forderte das Männchen. Sogleich schlug der Gärtner sie mit der Axt durch.
Der Graue ergriff den Baum mit beiden Händen, warf ihn auf den Wagen und trieb die Rosse an. Aber die Last war ihnen zu schwer, sie konnten nicht von der Stelle. Hui, wie sausten da die Peitschenschläge hernieder, und das half auch. Die Tiere rasten, aus den Nüstern helle Feuerflammen blasend,den Berg hinauf, durch das Tor und machten auf dem Schlossplatz zitternd und bebend halt.
Der Herr schaute gerade zum Fenster hinaus und war vor Schreck wie versteinert. „Schöne Pferde, nicht wahr?“ rief das graue Männchen zu ihm herauf. „Hier, die beiden sind dein Vater und deine Mutter, und die Vorderpferde sind deine Großeltern. Wenn du und dein Weib euch nicht bessert, werde ich wohl bald mit sechsen fahren.“
Sprach's und verschwand, und mit ihm verschwanden Wagen und Rappen. Allein der entwurzelte Baum erinnerte noch an das unheimliche Ereignis.
Der Edelmann nahm sich die Sache sehr zu Herzen und ward von Stund an ein neuer Mensch. Den Gärtner entließ er aus der Leibeigenschaft und schenkte ihm einen eigenen Hof, und er lebte glücklich und zufrieden sein Leben lang.
SCHÖN, DASS SIE REINSCHAUEN ...
... hier erscheinen in unregelmässiger Folge Heiteres, Albernes, aber auch bissige Satire
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2012/01/29
2011/12/22
Maria Catharina Flint - Geschichte eines Romanprojekts
Den Anstoss zu diesem Projekt gab ein Literaturwettbewerb. Ausgeschrieben zum 31. Januar 2010 war ein historischer Roman. Unglücklicherweise erfuhr ich aber erst Anfang Dezember davon: unmöglich, in weniger als zwei Monaten (inklusive Recherche) eine ordentliche Arbeit abzuliefern. Da jedoch Schwierigkeiten mich immer umso mehr reizen, je größer sie sind, wollte ich das Projekt unbedingt in Angriff nehmen. Ich hatte nicht nur kein Thema, sondern bis dato überhaupt nichts Historisches verfaßt. Ein Krimi und zwei Kinderbücher schlummerten in der virtuellen Schublade, publiziert waren lediglich einige Kurzgeschichten.
Über Lebens- und Denkweise der Menschen in früheren Jahrhunderten meinte ich aber gut Bescheid zu wissen, denn ich hatte in meiner Jugend historische Romane en masse verschlungen. Das war damals, in jener fernen Zeit, als Belletristik noch die Qualität hatte, wirklichkeitsnah und glaubhaft geschrieben und sorgfältig recherchiert zu sein. Nicht zu vergleichen mit den bunten, reißerischen Abenteuerstories, die heute die Buchläden und Bahnhofskioske fluten und dabei vorgeben, historische Geschehnisse abzubilden. Meine Eingeweide rotieren, wenn ich mit mehr als abenteuerlichen Frauengeschichten konfrontiert werde, die nicht das mindeste mit der historischen Lebenswirklichkeit meiner Geschlechtsgenossinnen zu tun haben. Ich weiss: ich schweife ab, aber das musste mal gesagt werden.
Mit den besten Voraussetzungen also und viel Elan stürzte ich mich ins Stadtarchiv meiner Wahlheimat Stralsund. Die Vorauswahl an möglichen Themen gewann "Maria Flint". Die ledige Näherin wurde vor fast 250 Jahren hingerichtet, weil sie ihr Neugeborenes getötet hatte. Wie ich in hier und da geführten Gesprächen bald erfahren sollte, ist ihr tragisches Schicksal noch heute jedem echten Stralsunder geläufig. Je tiefer ich ins Thema eintauchte, umso mehr wurmte mich aber auch die völlig falsche Überlieferung der Begebenheit. Denn selbstverständlich hatten vor mir schon einige Autoren das emotionsträchtige Thema bearbeitet, sogar ein niederdeutsches Bühnenstück existiert.
Die fehlerhafte Darstellung fängt schon bei dem Umstand an, dass "Maria Flint" ein stehender Begriff ist, obwohl ihr Rufname Catharina war. Die existierenden Romane – als Regionalliteratur von gewissem Bekanntheitsgrad – sind mehr oder weniger Phantasieprodukte. Da ich ein ganz klein wenig Perfektionistin und dito vom Besserwisser-Virus befallen bin, wollte ich das also alles viel besser machen. Vor allem liegt mir daran, das tägliche Leben der Menschen damals recht genau abzubilden. Der Leser soll die Handlung erleben, ja geradezu physisch spüren.
Schon im 18. Jahrhundert sorgte die Angelegenheit für viel Aufsehen. Und das war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass der Mann (ein rügenscher Junker im Dienst der schwedischen Truppen), der die Hauptschuld an Catharinas Schicksal trug, mit einigen Kumpanen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Delinquentin aus dem Gefängnis befreite, obwohl diese nicht befreit werden wollte. Sie hatte ihre Schuld nie geleugnet. Die jungen Herren Offiziere setzten Catharina im Morgengrauen mit etwas Geld versehen in der Nachtbarstadt in eine Postkutsche, bevor die Stralsunder sich recht berappelt hatten.
Natürlich wurde sie daraufhin steckbrieflich gesucht in "teutschen Landen". Aber zur zeitgenössischen Sensationsstory avancierte die Affäre erst, als Catharina nach cirka einem Jahr ans Stralsunder Stadttor klopfte – abgerissen und barfuß – und darum bat, nun ihre Schuld sühnen zu dürfen. D a s hat die Gemüter damals bewegt, und nicht wenige bekannte Persönlichkeiten verwendeten sich für sie, als das Todesurteil gesprochen worden war. Die Aufklärung war in vollem Gange, und man sah Hinrichtungen damals schon kritisch. Nach und nach schafften die Länder in diesen Zeiten zumindest die Tortur ab.
Manche Literaturforscher behaupten, die Begebenheit hätte den jungen Goethe zu seiner später entstandenen Figur "Gretchen" inspiriert. Ich bezweifle das allerdings - solche Frauenschicksale waren damals keine Seltenheit. Allerdings wurde dafür kaum noch die Todesstrafe verhängt und vollzogen.
Nun, was soll ich Euch sagen: natürlich habe ich den Abgabetermin nicht geschafft; und das Projekt träumte seitdem in Gestalt von Dateien, Notizen und unzähligen Zetteln vor sich hin. Von meinem Schreibtisch blicke ich seit 2 Jahren auf eine Wand, die gepflastert ist mit Kopien von Stichen, Schriftstücken, Gemälden aus dieser Zeit. Eine Karte von Stralsund und die meisten Stadttore sind darunter. Menschen in zeitgenössischer Kleidung. Die Rechnung des Henkers, der nicht, wie viele seiner Berufsgenossen, ein tumber Sadist, sondern ein gebildeter Mann war. Das alles ist nicht nur Zierde, sondern vor allem als Inspiration gedacht gewesen.
Und doch ist mir die Geschichte irgendwie untergegangen, bis Catharina zu ihrem 246. Todestag am 20. Dezember auf ihr Recht gepocht hat. Und nun darf ich die Sache nicht länger aufschieben.
Über Lebens- und Denkweise der Menschen in früheren Jahrhunderten meinte ich aber gut Bescheid zu wissen, denn ich hatte in meiner Jugend historische Romane en masse verschlungen. Das war damals, in jener fernen Zeit, als Belletristik noch die Qualität hatte, wirklichkeitsnah und glaubhaft geschrieben und sorgfältig recherchiert zu sein. Nicht zu vergleichen mit den bunten, reißerischen Abenteuerstories, die heute die Buchläden und Bahnhofskioske fluten und dabei vorgeben, historische Geschehnisse abzubilden. Meine Eingeweide rotieren, wenn ich mit mehr als abenteuerlichen Frauengeschichten konfrontiert werde, die nicht das mindeste mit der historischen Lebenswirklichkeit meiner Geschlechtsgenossinnen zu tun haben. Ich weiss: ich schweife ab, aber das musste mal gesagt werden.
Mit den besten Voraussetzungen also und viel Elan stürzte ich mich ins Stadtarchiv meiner Wahlheimat Stralsund. Die Vorauswahl an möglichen Themen gewann "Maria Flint". Die ledige Näherin wurde vor fast 250 Jahren hingerichtet, weil sie ihr Neugeborenes getötet hatte. Wie ich in hier und da geführten Gesprächen bald erfahren sollte, ist ihr tragisches Schicksal noch heute jedem echten Stralsunder geläufig. Je tiefer ich ins Thema eintauchte, umso mehr wurmte mich aber auch die völlig falsche Überlieferung der Begebenheit. Denn selbstverständlich hatten vor mir schon einige Autoren das emotionsträchtige Thema bearbeitet, sogar ein niederdeutsches Bühnenstück existiert.
Die fehlerhafte Darstellung fängt schon bei dem Umstand an, dass "Maria Flint" ein stehender Begriff ist, obwohl ihr Rufname Catharina war. Die existierenden Romane – als Regionalliteratur von gewissem Bekanntheitsgrad – sind mehr oder weniger Phantasieprodukte. Da ich ein ganz klein wenig Perfektionistin und dito vom Besserwisser-Virus befallen bin, wollte ich das also alles viel besser machen. Vor allem liegt mir daran, das tägliche Leben der Menschen damals recht genau abzubilden. Der Leser soll die Handlung erleben, ja geradezu physisch spüren.
Schon im 18. Jahrhundert sorgte die Angelegenheit für viel Aufsehen. Und das war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass der Mann (ein rügenscher Junker im Dienst der schwedischen Truppen), der die Hauptschuld an Catharinas Schicksal trug, mit einigen Kumpanen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Delinquentin aus dem Gefängnis befreite, obwohl diese nicht befreit werden wollte. Sie hatte ihre Schuld nie geleugnet. Die jungen Herren Offiziere setzten Catharina im Morgengrauen mit etwas Geld versehen in der Nachtbarstadt in eine Postkutsche, bevor die Stralsunder sich recht berappelt hatten.
Natürlich wurde sie daraufhin steckbrieflich gesucht in "teutschen Landen". Aber zur zeitgenössischen Sensationsstory avancierte die Affäre erst, als Catharina nach cirka einem Jahr ans Stralsunder Stadttor klopfte – abgerissen und barfuß – und darum bat, nun ihre Schuld sühnen zu dürfen. D a s hat die Gemüter damals bewegt, und nicht wenige bekannte Persönlichkeiten verwendeten sich für sie, als das Todesurteil gesprochen worden war. Die Aufklärung war in vollem Gange, und man sah Hinrichtungen damals schon kritisch. Nach und nach schafften die Länder in diesen Zeiten zumindest die Tortur ab.
Manche Literaturforscher behaupten, die Begebenheit hätte den jungen Goethe zu seiner später entstandenen Figur "Gretchen" inspiriert. Ich bezweifle das allerdings - solche Frauenschicksale waren damals keine Seltenheit. Allerdings wurde dafür kaum noch die Todesstrafe verhängt und vollzogen.
Nun, was soll ich Euch sagen: natürlich habe ich den Abgabetermin nicht geschafft; und das Projekt träumte seitdem in Gestalt von Dateien, Notizen und unzähligen Zetteln vor sich hin. Von meinem Schreibtisch blicke ich seit 2 Jahren auf eine Wand, die gepflastert ist mit Kopien von Stichen, Schriftstücken, Gemälden aus dieser Zeit. Eine Karte von Stralsund und die meisten Stadttore sind darunter. Menschen in zeitgenössischer Kleidung. Die Rechnung des Henkers, der nicht, wie viele seiner Berufsgenossen, ein tumber Sadist, sondern ein gebildeter Mann war. Das alles ist nicht nur Zierde, sondern vor allem als Inspiration gedacht gewesen.
Und doch ist mir die Geschichte irgendwie untergegangen, bis Catharina zu ihrem 246. Todestag am 20. Dezember auf ihr Recht gepocht hat. Und nun darf ich die Sache nicht länger aufschieben.
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